Finisterre

 

ESTEBAN SÁNCHEZ | Skizze von Finisterre (2018) | Installation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kunst produziert kein Wissen oder Repräsentationen für die Politik. Sie stellt Fiktionen oder Dissense her, gegenseitige Bezugnahmen von heterogenen Ordnungen des Sinnlichen. Sie stellt sie nicht für die politische Handlung her, sondern im Rahmen ihrer eigenen Politik […]. Sie stellt damit Formen der Neugestaltung von Erfahrung her – jenes Terrain, auf dem Formen der politischen Subjektwertung entstehen können, die selbst wiederum die gemeinsame Erfahrung neu gestalten und neue künstlerische Dissense hervorrufen.

(J. Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen, 2000)

 

Die Aufteilung des Raumes

TIMO HERBST ESTEBAN SÁNCHEZ PETER STOHRER

08. Juni 2018 bis 08. Juli 2018

Eröffnung: Freitag, 08. Juni 2018

Q18 | Quartier am Hafen

Poller Kirchweg 78-90, Köln Poll

www.qah.koeln/de/

 

Das Quartier am Hafen freut sich, Sie zur Eröffnung der Gruppenpräsentation Die Aufteilung des Raumes mit Künstlern aus Leipzig, Köln und Essen einzuladen. Unterschiedliche Medien wie Künstlergenerationen begegnen einem in und außerhalb des Q18. Der Ausstellungstitel fungiert dabei als Leitmotiv auf verschiedenen Ebenen:

1. Wie lässt sich die Frage nach der Aufteilung des Raumes in einen Parcours spürbarer Schnittstellen überführen – Schnittstellen zwischen privat und öffentlich, außen und innen, zwischen Ich und Gemeinschaft, Kunst und Nicht-Kunst?

2. Wie geht ein Kunstwerk mit dem Raum um? Welchen nimmt es sich, wie teilt es ihn ein? Greift das Werk in den Betrachterraum, durchkreuzt es die Gebiete von Ich oder Wir?

3. Wie ist der Raum der Kunst unterteilt? Was bedeutet es, mit dem Label „junger Künstler“ oder posthum ausschließlich über seine Werke am Diskurs teilzunehmen?

Grundlegende Fragestellungen, welche die Ausstellung nicht nur konzeptuell begleiten, sondern in den gezeigten Kunstwerken konkret reflektiert werden. Auf installative, performative, malerische oder skulpturale Weise gehen diese eine „Aufteilung des Sinnlichen“ ein, die zwischen Dissens und Gemeinschaft im Raum schwankt.

TIMO HERBST (*1982 in Flensburg, lebt und arbeitet in Leipzig) befragt Bewegungen, von der individuellen Geste bis zum disziplinierten oder normierten Körper in Gruppendynamiken. Diese zu erkunden, filmt er bei Demonstrationen in unterschiedlichen Ländern, begleitet zeichnerisch den mehrmonatigen Probenprozess von Tänzern oder begibt sich selbst in Situationen ungewisser Ordnungen. In den USA, wo man mit Waffengewalt seinen Wohnraum verteidigen darf, forderte er nach seinem Studium in Bremen, Berlin und Leipzig die Grenzen von privat und öffentlich heraus: Bei Spaziergängen durch Ithaca (New York) betrat TIMO HERBST jonglierend, fegend, sich sonnend die Veranden einzelner Häuser, ambivalente Schnittstellen von Ich und Wir. In dem Video Attempt to control traffic, 2013, besetzt HERBST im New Yorker Straßenverkehr die Rolle des Schutzmanns. Inmitten vorbeifahrender Autos unterstützt er mit seinen Gesten die Verkehrsordnung – oder bringt er sie durcheinander? Eine brüchige Gleichzeitigkeit aus reklamierter Machtaneignung und absurder Verlorenheit zwischen Yellow Caps und Hochhausschluchten.

ESTEBAN SÁNCHEZ (*1982 in Bogotá, Kolumbien, lebt und arbeitet in Köln) studierte Kunst in New York, Bogotá und war als DAAD-Stipendiat postgraduiert an der KHM Köln. Derzeit studiert er Philosophie an der Universität Bonn und promoviert an der Hochschule für bildende Künste Saarbrücken. Als Konzeptkünstler, der in unterschiedlichen Kulturen lebt, stellt für ihn die Befragung paralleler und sich überlagernder Räume – Sprachräume, Kulturräume, Bild- wie Denkräume – ein zentrales Moment der Beschäftigung dar. In seinen Arbeiten folgt er nicht den formelästhetischen Tendenzen eines Mediums und verzichtet bewusst auf Begriffe wie interkulturell oder interdisziplinär: „Transdisziplinärer Künstler – prozessuale Kunst“. Verweist „transdisziplinär“ auf ein Denken jenseits – statt zwischen – disziplinierender Grenzen, schreibt sich in „prozessual“ das Leben selbst ein. Für die Ausstellung entwirft SÁNCHEZ einen Raumteiler für seine neuen, großformatigen Graphit-Landschaften. Auf diese Weise erhalten sie einen Körper, der die zeichnerischen Ereignispartituren in den Ort einräumt. Filigrane Fäden, an deren Enden gefüllte Wassertüten und Steine eine eigensinnige Balance eingehen, reagieren auf vorgefundene Löcher, alte Ausstellungsspuren, die Biographie des Raumes. Finisterre, das Ende der Erde, nennt SÁNCHEZ seinen installativen Beitrag. Doch wie wir heute wissen, markierte das spanische Kap Finisterre mitnichten das Ende der Welt, jenseits dessen öffneten sich Kontinente.

PETER STOHRER (*1951 in Mühlheim/Ruhr, † 2017 in Essen) hinterlässt ein Werk, das eigenen Räume schafft und sie zugleich den Blicken entzieht. Seine Malkörper und Wand-Architekturen schlingern zwischen Objekt, Modell, Skulptur und Malerei. Beiläufig unterwandern sie die Ausstellung und stellen den Betrachtern buchstäblich ein Bein. So in der Serie Taurus von 2012, wo minimalistisch weiße Kuben bis zu 65 cm lang in den Raum ragen und einen zur Reaktion herausfordern. Subversiver Humor neben stiller Konzentration, Körperlichkeit und eine hohe Raumsensibilität sind Konstanten seines Werks. Den Jahren kontinuierlich suchender Atelierarbeit steht ein langjähriges kuratorisches Schaffen zur Seite, währenddessen STOHRER in verschiedenen Kunsträumen des Ruhrgebiets Projekte realisierte. Als freier Bühnenbildner arbeitete er Ende der 1980er für einige Jahre in Köln und lebte unweit des Quartiers. Bühnen malerischer Setzungen – fern jeder theatralischen Überfrachtung – sind auch seine für das Q18 ausgewählten Arbeiten. Mal bestimmt diese ein rosafarbener Akzent, mal lassen rohe, von getrocknetem Epoxidharz durchtränkte Baumaterialien schrundige Oberflächen entstehen. Ein großer Dank gilt Dana Savić (freie Autorin und Regisseurin), die das Werk seit STOHRERs frühem Tod betreut und zur Finissage an einem Künstlergespräch mit Prof. Dr. Rolf Sachsse (Fotograf, Kurator, Autor, Kunsthistoriker | Hochschule der Bildenden Künste Saar, Saarbrücken) teilnehmen wird.

timoherbst.org | esteban-sanchez.com | peterstohrer.com

 

Rahmenprogramm (Auszug):
Vernissage: Freitag, 08. Juni, 19.00h
Tanz: Marje Hirvonen, Bettina Nampé, Martin Widyanata
Einführung: „Kunst als Dissens im Raum“, Michael Stockhausen (Kurator Q18 | 2018)
Im Anschluss: „Über die Aufteilung des Rosts“ – gemeinsames Grillen im Garten des Quartiers

Vortrag: Sonntag, 01. Juli, 15h
Vortrag und Gespräch zur „Aufteilung des Raumes“ mit Dr. Wilfried Dörstel (Kunsthistoriker, Kurator, Archivar)

Finissage: Sonntag, 08. Juli 2018, 15h
Künstlergespräch mit Timo Herbst, Esteban Sànchez, Dana Savić (freie Autorin und Regisseurin) und
Prof. Dr. Rolf Sachsse
(Kunsthistoriker, Kurator, Autor, Fotograf | Hochschule der Bildenden Künste Saar, Saarbrücken