Siga, esta es su casa.

Siga, esta es su casa. Serie: Culturas Ilícitas. Photography Lambda C-print. 10cm x 12cm – framed (wood and glass) 18cm x 24cm Edition 12 + 3 AP 2016
Siga, esta es su casa. 
// Komm rein, dies ist dein Zuhause.
Esteban Sánchez

“Und da ich zu der Zeit, als ich noch meinte, mich bilden oder ablenken oder betäuben oder mir die Zeit vertreiben zu sollen, gehört oder wahrscheinlich irgendwo gelesen hatte, dass man in einem Wald, wenn man gerade auszugehen glaubt, in Wirklichkeit nur im Kreise herum läuft, so gab ich mir die größte Mühe, im Kreise umherzuwandern, weil ich hoffte, auf diese Weise geradeaus zu gehen.”

“and in the days when I thought I would be well advised to educate myself, or amuse myself, or stupefy myself, or kill time, that when a man in a forest thinks he is going forward in a straight line, in reality he is going in a circle, I did my best to go in a circle, hoping in this way to go in a straight line.“
(Samuel Beckett, Molloy, p.100)
Top. Objekt. Tinte auf Emballageschaum. – gerahmt (Holz und Glas). 25cm x 52,5cm x 3,5cm. 2016
No. 2. Serie: La tiranía de lo aparente – un paisaje de eventos (Die Tyrannei des Scheinbaren). Großformatige Zeichnung (Mixed Media). Tinte, Kohle, Sanguine und Graphit auf Papier. 160cm x 126cm. – kaschiert auf Lino und Keilrahmen. 150cm x 120cm x 3cm. 2016
El Dorado. Serie: The dice are loaded – Culturas Ilícitas.  Skulptur. 24k Goldblatt auf Gips. 15cm x 25cm x 15cm. 2016
Goldfish. Sculpture – Installation Water, plastic bag, thin string rope, stone and chalk. Variable measurements. 2017
Der Logik misstrauen. Dem Widerspruch widersprechen.

Aus Unsicherheit etwas nicht zu verstehen, vertraut man auf Ergebnisse. Dabei wird der Weg dorthin ausgeblendet. Jedoch gibt es nicht nur die eine Wahrheit, sondern verschiedene Wege, die zum Ziel führen. Ein mathematisches Theorem ist eine widerspruchsfreie Aussage. Sie ist wahr. Warum aber vertrauen wir dieser Sicherheit?

Betritt man das Atelier von Esteban Sánchez, gelangt man in einen relationalen Raum, der von einer inneren Struktur gegliedert scheint. Der Besucher spürt sich mit einer ordnenden Kraft konfrontiert, kann den Hintergrund aber nicht unmittelbar sehen, gar begreifen oder jegliche gefühlte Relation auflösen. Auf dem Boden, an die Wand gelehnt, steht ein Bild. Mit roter Schrift steht das Wort „Top“ auf weißem Grund (Top, 2016). Dabei handelt es sich eigentlich um einen Deckel, wie er im Kunsttransport verwendet wird. Gerahmt und isoliert von seiner Funktion ergeben sich neue Betrachtungsmöglichkeiten. Das eigentlich den Wert Schützende wird zum Wertvollen und, hinter Glas gefasst, selbst fragil. Der Künstler stellt dem Betrachter eine Denkaufgabe, da diesem der ursprüngliche Dienst des Objekts nicht bekannt ist. Wie lässt sich „Top“ denken, wenn es auf dem Boden steht? Es eröffnen sich neue Perspektiven und alternative Wege, genau diese möchte der Künstler erfahrbar machen – für den Betrachter, aber auch für sich. Das Werk gibt dem Künstler die Möglichkeit, die Empfindungen und dabei ablaufenden Prozesse seines Gegenübers greifen zu können und eine Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Perspektiven herzustellen. Die Kommunikation zwischen Künstler und Betrachter durch die Aufgabe, die als Werk erscheint, ist dabei entscheidend. Bei alledem geht es nicht um das eine Ergebnis oder das eine inhärente Axiom. Die Frage „Was will mir der Künstler sagen?“ wird abgelöst durch den Erfahrungsaustausch, durch ein Nach- und Mitdenken, den gemeinsamen Weg.

Die Problemstellungen, die Esteban Sánchez mit seinen Arbeiten formuliert, initiieren einen Prozess, der mit mathematischen Herangehensweisen vergleichbar ist. Seine Werke eröffnen einen konzentrierten Spannungsraum, in dem sich Künstler wie Kunstinteressierte miteinander auf nicht berechenbare Operationen einlassen. Gedankengänge können sich hierbei in äquivalenten Gleichungen treffen und einen Dialog entstehen lassen, der einer mathematischen Aufgabenstellung ähnelt – jedoch einer, die sich nicht auf eine einzige Wahrheit beschränken möchte. Es gibt immer mehrere Bedeutungen und Denkprozesse erfolgen auf verschiedenartige Weisen, symmetrisch oder komplementär. Vorschnell beschränkt man die Mathematik auf etwas Abstraktes, Starres, einen lebensfernen, logischen Raum ohne künstlerische Imagination. Dabei ist die Imagination grundlegend für das Rechnen jenseits des Berechenbaren, im Relativen und Nichtsichtbaren.

In Sánchez’ Atelier spürt man diesen permanenten Dialog komplementärer Dichotomien: zwischen striktem System und flanierendem Erfindungsreichtum, oszillierend zwischen hochkomplex und kinderleicht, strenger Reflexion und bedingungsloser Freiheit. Seine 2006 begonnene und bis heute fortlaufende Serie von Zeichnungen im körperhaften Format von 160 x 126 cm, die aus Tinte, Kohle, Rötel und Graphit entstehen, wirkt herb, roh und kratzig (No. 2, 2016). La tiranía de lo aparente (Die Tyrannei des Scheinbaren) lautet der Titel. Zeitgleich mehrere Arbeiten beginnend, legt Sánchez die Untergründe in Form einer Sonnenuhr auf den Boden und arbeitet parallel an ihnen. Der Künstler möchte die Werke dabei physisch wahrnehmen und sie im Raum erfahrbar machen. Schwarz- und Weißtöne schichten sich auf dem Papier und hinterlassen eine archaische, matt glänzende Textur, die eine haptische Wirkung entwickelt. Bei genauerer Betrachtung wird der zweite Teil des Titels verständlich: un paisaje de eventos (eine Landschaft von Geschehnissen). Dem biographischen Weg des Künstlers nicht unähnlich, der zunächst für sein Studium von Bogotá nach New York ging und nun seit fünf Jahren in Deutschland beheimatet ist, verlaufen schwarze Adern durch das Bild, die sich wie dickflüssige Tinte unsicher ihren Weg bahnen, um schließlich in Deutlichkeit zu verweilen. Narbenhaft durchzieht ein dumpfes Rot an manchen Stellen den Bildkorpus, in welchen der Künstler Fragmente aus Leid und Hoffnungen einschreibt, deckt, ritzt und schabt. Verglichen mit einer Wand, die über viele Jahre hinweg überstrichen, tapeziert und am Ende mit einem Spachtel abgekratzt wurde, sehen wir eine Landschaft aus Zeitlichkeit, ein Feld, in dem Spuren hinterlassen wurden.

Sánchez‘ Landschaften beschreiben seine Wahrnehmung der Welt. Der Betrachter erfährt diese eingezeichneten Spuren als pigmentierte Realitäten, die unseren Horizont herausfordern. Unsere Erfahrungen und Perspektiven sind es, welche die Werke des Künstlers fortschreiben. Der Prozess läuft ins Unendliche und eine Lösung ist nicht zu erreichen. Aber auch wenn man die Lösung nicht findet, passiert etwas – eine Ahnung, eine Idee, ein Gedankengang. Es geht nicht darum, die konkrete Antwort zu finden oder gar zu suchen, sondern sich mit den Fragen zu beschäftigen. Der einfache Weg, Aufgaben zu lösen, erscheint als der sinnvollste, jedoch bergen die Umwege, die komplizierteren, ein tieferes Verständnis und damit einen intensiveren Einblick in den Denkprozess und somit in unser Verständnis der Welt. Ebendieser Prozess wird im Atelierraum verhandelt.

von Luisa Schlotterbeck & Alexander Kluth

Danke .de/lab: Luisa Schlotterbeck & Seda Pesen.