In Gedanken versunken

 

Serie: KODAK 100TMX 0551-003. Esteban Sánchez. Analog 35mm Fotografie Schwarz/Weiss. 2005

 

In Gedanken versunken

Gestern Abend bin ich noch durch die Straßen von Wien gelaufen, in Gedanken versunken, auf einer Pilgerfahrt, von der ich hoffte, dass sie mich zur richtigen Frage führen würde. Von Schritt zu Schritt versuchte ich die richtige Art und Weise zu finden, um ein Gefühl zu beschreiben, eine Möglichkeit, die dem Bild gerecht werden würde, das ständig, wie immer wiederkehrende Trommelschläge in der Dunkelheit, den Weg in meine Erinnerung zurück findet. Ich erinnerte mich an Neruda, wie er einem Postboten sagte, dass Poesie ihren Sinn verliere, wenn sie erklärt wird, dass dadurch ihre Schönheit banalisiert wird… Es ist da, wo ich mich am Ende immer befinde, an diesem Ort, auf der gleichen Bank sitzend, die es mir ermöglicht, mich von den Formalitäten, den konventionellen Darstellungen, den Gefühlen ohne Geschmack, den Bedeutungen ohne Charakter, von der Grammatik, von der Semantik und sogar von der Syntax zu entfernen, mit deren Hilfe die Wunder erklärt sind, die uns die Illusionen des Lebens erlauben. Diese Stereotype und Klischees, von denen ich mein Wesen aus einem einfachen Grund immer freimachen will. Aus dem Grund, dass ich bin.

Und dann kehre ich zu eben den Bildern und eben demselben Text zurück, den ich eben vor einigen Minuten genau auf dieser selben Bank geschrieben habe, von dem ich aber weiß, dass auch er als Erschreibung meines eigentlichen Gefühls nicht gerecht werden wird. Was ich für den Moment tun könnte, ist zumindest der eilige Versuch das hiesige Panorama zu beschreiben. Aber über das Werk eines Künstlers zu berichten, ist nicht die Aufgabe, mit der ich mich gerade jetzt befassen möchte. Als unbekannter Mensch in dieser Ausstellung der Welt habe ich nicht vor etwas zu erklären. Ich ziehe es vor die Liebe zwischen Dichtern zu zeigen. Das ist der Grund, warum ich inmitten dieser Mischung aus Cabral, Gómes Jattin und Jaramillo Escobar und nach so vielen Schritten weiterhin meine Kreise zwischen den Worten ziehe, die aus einer Erinnerung und den festgebrannten Bildern tief in meinem Kopf entstanden sind. Die Poesie war in meiner Seele immer zuhause, aber ohne dass ich Gefühlsknoten in Ideen entwirren konnte. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als zur essentiellen Frage zurückzukehren: Warum wollte ich das? Warum wollte ich ein Teil dieser Ausstellung der Welt werden/sein? Warum habe ich mich schließlich dazu entschieden, über sie zu schreiben? Und warum fällt/fiel es mir so schwer?

So verstand ich schließlich, dass die Antwort, aus diesem Blickwinkel betrachtet, essenzieller und wesentlich komplexer mit der »Sozialen Konstruktion«, der wir angehören (inklusive der Menge an Möglichkeiten und Varianten), zusammenhängt. Die Antwort war in dem verborgen, was uns verbindet und gleichzeitig in dem was uns unterscheidet: die dringende Notwendigkeit, das zu sagen, was die Seele beschäftigt, was uns schmerzt, was uns glücklich macht, was uns stört und was wir träumen. Das was für jeden einzelnen, individuell, das Wichtigste ist, was wir fühlen können. Es ist im Grunde genommen das, was wir haben. Aber für den Anderen, diesen ANDEREN, kann es eine schwindend geringe Bedeutung haben und sogar tadelnswert sein. Deswegen ist es so schwer zu sprechen, so schwer zu schreiben und so schwer die eigene Seele zu verstehen. Denn ich rede durch dich und du durch mich, nur um zu sagen, in Flüsterlautstärke, aber mit dem Gefühl eines Schreies: »Es ist nun mal so, dass ich etwas sagen möchte.«

Geschrieben am 27. August 2011

Esteban Sánchez

 

KRITISCHE AUSGABE. Nr. 31 (2016): Untergrund

 

For more infos take a look at the shop: KRITISCHE AUSGABE – Untergrund.